2010 Berlin - Tallinn - Riga - Ventspils             Tourbilder

                                                                                                       Tourkarte

 

 

Tallinn (Estland) - Riga – Ventspils (Lettland) vom 13. - 22. Mai 2010

 

Wie alljährlich sollte es auch 2010 wieder zu unserer traditionellen Fahrt aufgehen -wir, das sind Alfred, Bernd, Eckehard, Heiner und Manfred – eben die RotenRadler.

Wer unsere “Tradition” noch nicht kennt, der lese bitte die früheren Reiseberichte nach...

 

Bei der Vorbereitung unserer diesjährigen Fahrradtour lag die Entscheidung für die Strecke auf der Hand: die letzte Etappe unser R-1-Fahrt musste es sein. In versetzter Reihenfolge hatten wir die Gesamtstrecke von Boulogne sur Mer an der französischen Kanalküste bis St Petersburg (und von dort noch weiter bis Helsinki) fast geschafft; es fehlte noch das (kleine?) Stück von Riga nach Tallinn, den beiden Hauptstädten der baltischen Länder Lettland und Estland.

 

Das war soweit klar, entgegen unserer üblichen Fahrtrichtung (aus den bekannten Gründen von West nach Ost) hatten wir uns hier aber für die “Gegenrichtung” Tallinn-Riga entschieden - Grund waren die Möglichkeiten der Hin- und Rückfahrt. Die Flugverbindung von Deutschland nach Tallinn ist einfach besser als die nach Riga. Und zurück sollte es mit der Fähre von Riga nach Lübeck gehen - diese Verbindung hatten wir bereits bei der früheren Tour, die von Klaipeda nach Riga führte, ausprobiert. Allerdings ist das Fliegen nicht von allen so gern gesehen, deshalb waren Alfred und Manfred froh, dass für eine Strecke die Fähre genommen werden sollte. Und beide konnten sich bei einer weiteren Variante durchsetzen: von Hamburg gab es zum Zeitpunkt unserer Radtour keine Direktverbindung nach Tallinn, es sollte mit Zwischenstopp über Riga gehen. Und das hätte zweifachen Start und zweifache Landung bedeutet. So gab es die Lösung, dass wir von Kiel aus mit der Bahn nach Kopenhagen anreisten, um dort um 15.00 h in den Flieger zu steigen, den wir auch bei einer Anreise von Hamburg gekriegt hätten. Und damit war es für uns auch gar kein großer Zeitverlust, in Kiel um 7.00 h in den Zug zu steigen und dann - nach viermaligem Umsteigen, was mit der Fahrradmitnahme zu tun hat, am Kopenhagener Flughafen Kastrup anzukommen.

 

Regulär sollten wir rd. 1 1/2 Stunden vor Abflug der Maschine dort eintreffen, eine Verzögerung auf dem letzten Teilstück der Eisenbahnstrecke und ein langer Halt im Hauptbahnhof Kopenhagen sorgten dafür, dass uns nur noch rd. 70 Minuten blieben - fürs Einchecken, den Umbau von Lenker und Pedalen (nur so werden die Fahrräder im Flugzeug transportiert), das Kaufen des Fahrradtickets (das es für 35 € nur am

Flughafenschalter zu kaufen gibt, trotz Buchung unserer Tickets in einem Reisebüro),

dann noch das Aufgeben der Fahrräder auf einer ganz anderen Ecke des Flughafens - und dann kamen wir tatsächlich mit hängender Zunge als letzte Passagiere 5 Minuten vor Abflug in die Maschine.

 

Nach 1 1/2 ruhigen Flugstunden landeten wir um 17.00 h Ortszeit – in Tallinn ist die Zeit eine Stunde weiter - in der Hauptstadt Estlands an. Nachdem wir morgens bei in Deutschland noch immer andauerndem kühlen Wetter und grausigen 6° C mit Pullover und Anorak gekleidet gestartet waren, schlug uns eine dagegen extrem warme Luft von deutlich über 20° entgegen - daran mussten wir uns erst einmal gewöhnen....

 

Gepäck und Fahrräder erhielten wir unversehrt und vollzählig ausgehändigt - jetzt konnte die eigentliche Tour beginnen!

 

Wir machten es in diesem Jahr wie stets: arbeitsteilig: Bernd hatte sich um den Flug und die Fähre gekümmert, Heiner war für die Durchplanung der Fahrtstrecke und Wegeführung unterwegs zuständig - und Alfred kümmerte sich erneut um das Quartier im Ausgangsort. An dieser Stelle kann ich gleich darüber aufklären, dass wir regelmäßig nur diese erste Übernachtung vorbuchen, alle weiteren ergeben sich dann nach den Tagesetappen unterwegs - aber dazu später mehr... (es wird von interessierten Menschen oft gefragt, ob wir denn eine durchorganisierte Tour mit vor gebuchten Hotels und Gepäcktransport durchführen - machen wir nicht, denn ein         kleines Stückchen Abenteuer soll uns ja erhalten bleiben)

 

So fuhren wir in die Stadt und nahmen zuerst einmal unser Quartier in dem vor gebuchten Hotel “Tallink City” - ein modernes, zentral gelegenes, an dem man durch die große Zahl von finnischen und schwedischen Gästen gut erkennen konnte, welche Bedeutung Tallinn für diese Touristen hat: zum Einkaufen, zum günstigen Essen und Trinken (!) und vor allem als mitteleuropäisch geprägte Hauptstadt mit einer wunderschönen Altstadt. Das war natürlich unser abendliches Ziel: der Rundgang zum Schlossberg ist für jeden Besucher Pflicht! Die Altstadt mit einer größtenteils noch erhaltenen Stadtmauer ist zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt worden. Und einige Spuren aus einer Epoche des Deutschen Ritterordens sind bei genauerem Hinschauen auch zu erkennen...

 

Wie es dann bei unseren Radtouren immer so ist: wir haben einen engen Zeitrahmen, der es zulässt, einige Eindrücke Auf -und Anregungen mitzunehmen - vielleicht für einen späteren Besuch mit mehr Zeit zum Schauen und Genießen. Aber das muss wohl so sein, wenn man in doch nur wenigen Tagen eine erhebliche Strecke abfahren möchte und dabei zahlreiche interessante Punkte durchfährt. Deshalb mussten wir uns nach diesem schönen “Begrüßungsabend” in der Tallinner Altstadt am nächsten Morgen dann auch auf den Weg machen. Heiners Planung hatte für den ersten Tag auch eine Etappe von ca. 75 km vorgesehen.

 

Zu den einzelnen Etappen und der Übersicht über unsere Gesamttour bitte ich die beigefügte Karte anzuklicken - so erspare ich mir bei meinem Reisebericht die jeweiligen Landschaftsbeschreibungen.

 

Bei der Ausfahrt aus Tallinn haben wir uns noch den “großen Zirkel” angesehen, ein riesiges Neubaugebiet in Plattenbauweise mit einem inneren und einem äußeren Ring, die jeweils mehrere Kilometer Länge haben – wir konnten diese Anlage bereits am Vortag im Landeanflug aus der Luft heraus gut erkennen.

 

Dann waren wir schnell aus der Großstadt heraus und hatten damit auch die typische Wegeführung erreicht - mal an stark befahrenen Straßen mit hohem Lkw- Aufkommen, mal auf gut ausgebauten Nebenstrecken mit geringem Autoverkehr. Insgesamt gut und angenehm zu fahren (sieht man von der Nutzung der Hauptstraßen bei starkem Regen und Lkw im Minutenabstand ab)

 

Die erste Etappe auf dem Weg zur Insel Hiiumaa sollte nach ca. 75 km ein Bed & Breakfast Quartier bieten - mitten im Wald. Das gab es auch, leider waren aber andere Gäste schneller und so mussten wir uns weitere 25 km aufs Rad schwingen, um dann tatsächlich ein B&B Haus zu finden, das für uns freundlicherweise von der Hausfrau des ersten telefonisch reserviert wurde. So kamen wir dann gg. 19.00 h und  nach 99 km Tagesetappe für den ersten Tag erschöpft und hungrig an. Die Privatunterkunft in Linnamäe war gut und herzlich - und wir wurden mit einem soliden Abendessen und einem üppigen Frühstück für die lange Tour entschädigt.

 

Tag 2 begann dann wie üblich gg. 9.00 h mit langsamem Anradeln – zuerst nach Haapsalu. Geplant war tatsächlich ein längerer Aufenthalt, weil die Fähre auf die vorgelagerte Insel Hiiumaa erst um 14.30 h abgehen sollte. Dass dieser Aufenthalt dann aber durch eine notwendige Reparatur an Bernd’s Rad (nach Speichenbruch musste ein neues Hinterrad her) und einem Plattfuß bei Manfred’s Rad doch “erzwungen” wurde, war nicht geplant, passte aber trotzdem: es gibt in diesem Ort ein gut ausgestattetes Radgeschäft mit Werkstatt - und die junge Verkäuferin hatte noch ausreichend viele Brocken Deutsch parat, so dass sich alles ganz leicht gestaltete.

 

Mit einem Leihrad ging es auf Stadtrundfahrt: zu erwähnen ist das Eisenbahnmuseum mit einem Bahnhof, der für den Zarenbesuch Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut wurde - auch heute noch sehenswert!

 

Dann fuhren wir weiter zum Fähranleger in Rohuküla, um von dort in 1 ½ Stunden auf die Insel Hiiumaa überzusetzen. Es war wieder sehr heiß geworden - wir mussten uns nach den nur wenig frühlingshaften Temperaturen in Deutschland erst an dieses andere Klima gewöhnen, hohe, schon sommerliche Temperaturen mit regelmäßigen

Wärmegewittern am Nachmittag. Und in dieser Hitze radelten wir dann noch rd. 45 km durch unbewohntes Gebiet, überwiegend durch Wälder auf einer kaum befahrenen Straße. Ziel war das Örtchen Söru am Südzipfel der Insel - eigentlich nur einige Häuser und der Fähranleger, von dem aus wir am nächsten Morgen um 8.15 h zur nächsten Insel übersetzen wollten. Übernachtet haben wir in einer spartanischen Hütte auf einem Campingplatz (nach telefonischer Vorbuchung, Nummer im Reiseführer).

 

Am nächsten, dem 3. Tag auf den Rädern, geht es nach einem eher spartanischen Frühstück auf die Fähre, die uns nach etwas einer Stunde im Hafen von Trigi absetzt. Auf dieser Überfahrt kommen wir in Kontakt zu dem ersten und auf der gesamten Tour auch einzigen Radtouristen. Ein Niederländer, der am 15. März Rentner geworden war, hat sich am 1. April in seiner Heimat aufs Fahrrad gesetzt - ein Liegerad mit sehr viel Gepäck -, um zuerst durch Dänemark, Schweden und Norwegen bis nach

Kirkenes zu radeln - an der Nordspitze Norwegens, dort wo Norwegen und Russland eine gemeinsame Grenze haben. Von dort sollte es dann auf ca. 7.000 km entlang der Strecke “der eiserne Vorhang” an der historischen Trennlinie zwischen West - und Ostblock bis nach Instanbul gehen. Der Start musste etwas südlicher beginnen, das Wetter war für die Übernachtungen im Zelt einfach noch zu frostig. Trotzdem war er auf dem Weg, bis zu unserer Begegnung in Estland hatte er bereits 4.000 km auf dem Tacho - und zu Weihnachten möchte er am Ziel in der Türkei ankommen....

Viel Glück wünschten wir ihm, um ihn dann mittags noch einmal kurz zu treffen - er machte einfach ein höheres Tempo, was bei diesem Vorhaben wohl auch erforderlich ist.

 

So, wir waren jetzt auf der Insel Saaremar angekommen, der größten Insel Estlands und mit 2.672 km² die viertgrößte Insel der Ostsee - im Vergleich: Rügen ist 926 km² groß. Auch diese Insel hat viel Natur zu bieten und ist durch ihre flache Topografie einfach zu beradeln. Touristischer Höhepunkt ist laut Reiseführer zum einen der Meteoritenkrater, welcher in Kaali zu besichtigen ist. Der größte von neun Kratern besitzt einen Durchmesser von 110 m und soll rd. 4.000 Jahre alt sein. Fachleute schätzen das Gewicht des Meteoriten beim Einschlag auf 1.000 Tonnen.... Wir sind hingeradelt, zu sehen war ein kreisrunder See - wenig beeindruckend. Bei der zweiten Empfehlung waren die Eindrücke schon stärker: im Süden der Insel liegt der Ort Kurassaare, ein Hotel weist heute auf die in einer vergangenen Epoche erfolgte deutsche Namensgebung hin: Arensburg. Ein Ort, der es lohnt, besucht zu werden! Bischofsburg aus dem 13. Jahrhundert, ein schönes Freilufttheater und überhaupt: ein schönes, gepflegtes Städtchen mit der so geschätzten Lage am Meer.

Nach einer kurzen Stärkung zu Mittagszeit radeln wir dann weiter auf der Hauptstraße Richtung Nord-Osten. Eigentlich wollten wir unterwegs Quartier suchen, doch Gasthöfe, Pensionen oder B&B waren nicht zu finden. So führte die am Ende recht lange und für einige zu beschwerliche Tagesetappe bis nach Orissaare; dort fanden wir in dem alten Bettenhaus eines Gymnasiums Unterkunft; so einfach wie am Abend das Essen in einer kleinen Gaststätte - dafür war beides sehr preiswert.

 

Tag 4: Ein langer Straßendamm, der an die Überfahrt nach Nordstrand erinnert, bringt uns auf die kleine Insel Muhu, die wir zügig durchradeln. Dann geht es mit einer weiteren Fähre (Abfahrten stündlich, Überfahrt 35 Min) aufs Festland. Wieder bestes Radlerwetter. Auf 75 km größtenteils durch Wald- und Feuchtgebiete mit sehr viel Ruhe und Natur leisten wir uns nur die nötigsten Pausen. Nachdem wir eine stark befahrene Hauptstraße erreicht haben, ist Kleidungswechsel erforderlich: ein kräftiges Gewitter mit starkem Regen begleitet uns einige Kilometer – das macht wenig Spaß bei den vorbeirauschenden Lkw.  Am Ende dieser Etappe - es ist auch längst wieder schönes Wetter - erreichen wir unseren Zielort Pärnu und finden auch schnell ein sehr schönes, modern hergerichtetes Hotel in der Altstadt (für 30 € pro Person

mit tollem Frühstück). Deutlich wird an dieser Stelle auch der krasse Unterschied zwischen ländlichen Gebieten und den Städten des Baltikums: hier noch relative Armut (gestern die Unterkunft in einem post-sozialistischen Wohnheim für 10 € ohne Frühstück), dort gepflegte Städte, deren Infrastruktur zum Teil bereits an westliche Standards angepasst ist, zum Teil noch erstellt werden muss. Ich denke, dass die

meisten Touristen, die sich auf geführten Rundreisen befinden, nur die Stadt-Variante erleben. Auf dem Fahrrad und durch die kleinen Örtchen erfahren wir uns einfach mehr.... Kirchen, Museen, Altstadt mit mittelalterlichem Flair und vor allem der Strandbereich mit Promenade und Wellness-Hotels laden zum längeren Aufenthalt ein - eigentlich kein Wunder, dass Pärnu schon zu sozialistischen Zeiten als Bade- und Kurstadt eine Bedeutung hatte.

 

Am 5. Tag unserer Radtour geht’s ausgeruht und gestärkt in den Sattel. Nach der üblichen von Heiner geführten Stadtrundfahrt fällt uns das Radeln schon viel leichter - die Übung macht’s. An diesem Tag führt der Weg an Haupt- und ruhigen Nebenstraßen immer in Küstennähe Richtung Süden - überwiegend durch riesige Waldgebiete. Und immer wieder sieht man auch Einrichtungen der Holzindustrie: Sägewerke, Tischlereien, Möbelfabriken werkeln auch für den deutschen Markt, Regale und Gartenmöbel aus Fichte, Kiefer oder Lärche sind bei uns zu Hause begehrte Produkte - eben gebaut in Estland und/oder Lettland.

 

Gegen 15.00 h überqueren wir die Grenze von Estland nach Lettland - wäre da nicht eine Hinweistafel, wir hätten sie auch übersehen können. Wir haben es nicht und konnten diesen wichtigen (?) Moment auf den üblichen Fotos festhalten. Für eine Gruppe von lettischen Hobby-Fotografen waren wir ein begehrtes Motiv - Radler mit Helmen und viel Gepäck, das sieht man hier wohl nicht alle Tage.

 

In Salacgriva sind wir zur Kaffeezeit, wir fühlen uns nach 70 km noch zu frisch, um hier schon nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu suchen; und es ist ja auch noch ein wenig früh am Tage. So radeln wir weiter, was zumindest ich später noch bereue.

Das tägliche Gewitter mit erneut starkem Regen können wir noch in einem Buswartehäuschen trocken überstehen; auf der weiteren Fahrt erreichen wir auch bei km 100 noch nicht das erhoffte Ziel: das im Radführer ausgewiesene Hotel ist offen-sichtlich pleite, wir stehen vor verschlossenen Türen (das gehört übrigens immer zum Restrisiko einer derartigen Tour!). Was bleibt uns? - aufs Rad und weiterfahren, auch wenn’s schwer fällt. Dann finden wir nach 115 Tageskilometern eine im Wald

gelegene und von unzähligen Mücken belagerte Anlage - Hotel? Jugendherberge? Tagungsstätte? Fertig? Noch im Umbau begriffen? Wir wissen es nicht und übersehen die deutlichen Mängel nicht funktionierender Klos und Duschen. Ob die Bettwäsche frisch war, konnte auch nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden. Wir mussten da durch und am nächsten Tag ist auch ein solches Erlebnis nur noch Geschichte!

Zu Essen gab es in dieser Anlage auch nichts, deshalb sind Heiner und Bernd bereit, noch weitere Kilometer zu fahren, um die notwendigen Zutaten zum Abendbrot und Frühstück am nächsten Tag einzukaufen - das abendliche Bier hatten sie dankenswerterweise nicht vergessen! Kaum waren sie um 20.40 h von dieser Einkaufstour zurück, da prasselt fünf Minuten später ein Unwetter vom Himmel, das sich gewaschen hatte....

Fazit: der wärmste Tag der Tour mit über 25°, von den Mücken zerstochene Körper, eine primitive Unterkunft, aber irgendwie doch zufriedene Radler, die nach einer lange Etappe dem Ziel Riga ein deutliches Stück näher gekommen sind. Dabei haben wir unsere ursprüngliche Etappenplanung auch verlassen und sind schon deutlich weiter vorangekommen.

 

Am 5. Tag verlassen wir dieses merkwürdige Anwesen und wollen erst einmal Kilometer machen. Das gelingt auch ganz gut, die Straße ist breiter geworden und der Standstreifen bietet für Radfahrer doch ein gutes Stück Sicherheit gegenüber den schmalen Randstreifen auf anderen Teilstücken; so kommen uns die vorbei-rauschenden Lastwagen nicht mehr so gigantisch vor. Üppige Frühstückspause im Strandbad von Saulkrasti nach 32 km Strecke. Dann besichtigen wir das dortige Fahrradmuseum, das einzige Lettlands, wie uns der junge Besitzer wissen lässt. Es gibt einige Raritäten anzuschauen, so lohnt sich der Besuch tatsächlich. Dann geht es auf die Autobahn (erlaubt!) und in der direkten Anfahrt nach Riga. Der Stadtrand ist so, wie in vielen großen Städten, die wir besucht haben: viel Industrie, viel Werks und Arbeitsverkehr und um diese Zeit, es ist Nachmittag, auch viele Menschen, die von Schule, Beruf oder Einkäufen nach Hause wollen. Als Radfahrer muss man bei diesen Verkehren besonders aufmerksam fahren, Radwege gibt es regelmäßig nicht.

Nach 80 Tageskilometern erreichen wir um 16.00 h den Hauptbahnhof von Riga!

 

Eigentlich war dies das Ziel unserer Radtour, insgesamt sind wir damit von

Tallinn nach Riga knapp 600 km gefahren. Nun gab es aber eine besondere Schwierigkeit: bei unserer Tourplanung im Januar wussten wir schon, dass die Fährverbindung von Riga nach Lübeck eingestellt worden war. Stattdessen hat die Reederei eine neue Route, nämlich von Ventspils an der lettischen Ostküste aufgenommen

 (nachzuvollziehen, da diese Strecke für Schiffe deutlich kürzer ist). So wollten wir nun die Strecke Riga - Ventspils mit dem Zug überbrücken. Die Verbindungen hatten wir zu Hause im Internet herausgefunden. Nun aber wussten wir seit wenigen Wochen, dass auch diese Zugverbindung eingestellt worden war! Was sollten wir nun machen? Die Abfahrzeit für die Fähre steht fest, diese ist auch gebucht. Wie kommen wir nach Ventspils. Mit dem Rad wohl kaum, denn uns bleibt nur noch ein ganzer Tag

und die Strecke ist etwas 185 km lang. Bei der Fahrplanauskunft verhandeln wir so lange, bis wir herausbekommen, dass es eine Vorortbahn gibt, die alle zwei Stunden bis zum Endpunkt Tukums fährt (und auch Räder transportiert). Tukums liegt tatsächlich auf unserem Weg, also buchen wir die Fahrkarten - für wenige Litas sitzen wir gut 1 1/2 Stunden im Zug - auch dies lässt uns interessante Eindrücke mitnehmen. Lt. Reiseführer soll es drei Unterkunftsmöglichkeiten in Tukums geben, wir

finden nur eine, dabei aber eine sehr gutes Hotel im Gebäude der Eisbahn mit ebenso gutem Frühstück für 18 Litas/Person, das sind ungefähr 27 €.

 

Am 6. und letzten Radeltag im Baltikum haben wir uns die längste Tagestour vorgenommen: es sind 125 km entlang der Autostraße A 10 bis Ventspils. Dort wollen wir am frühen Abend eintreffen, deshalb sitzen wir pünktlich um 8.00 h im Sattel. Und die vor uns liegende Etappe fällt am Ende gar nicht so schwer: wenn man genau ablesen kann, wie viele Kilometer es (nur) noch bis zum Ziel sind, und wenn die Straße mit nur geringen Anhöhen einfach zu befahren ist, das gute Sommerwetter uns leichten Rückenwind beschert, dann rollt das Rad so gut, wie die Stimmung der Gruppe ist! Und am Ende sind wir bereits um 18.00 h, 2 Stunden früher als gedacht, in

Ventspils. Die Reifenpanne bei Alfred kommt nicht zu spät - in der Stadt und am Ziel belastet dies überhaupt nicht weiter. So bleiben noch Zeit und Lust für eine ausgiebige Stadtrundfahrt auf den Rädern und ein üppiges Abendessen in einem netten Lokal mit heimischem Bier. Dann geht’s um 24.00 h auf die Fähre, ein gutes Schiff der

Scandlines-Reederei. Duschen, ein letztes Bier und nach 136 Tageskilometern kriegen wir das Ablegen um 04.00 h gar nicht mehr mit.

 

Der Freitag ist ein Seetag, zuerst mit viel Sonne, dann auf dem Weg nach Deutschland zieht das Wetter zu und es gibt Dauerregen - den ersten dieser Tour. Unter diesen Bedingungen hätten wir nicht radeln mögen....

 

Am Sonnabend legt das Schiff  um 07.30 h in Travemünde an, das Wetter in der Heimat ist bedeckt und deutlich kühler als im Baltikum. Wie geplant setzen wir uns auf Rad und nehmen die Schlussetappe bis nach Kiel auch stilgerecht. Nach 91 km sind wir um 16.00 h zu Hause, damit auch  am Ende der R-1-Tour quer durch Europa.

 

Diese Radtour von Tallinn über Riga nach Ventspils und dann von Travemünde wieder nach Kiel war insgesamt 824 km lang, mit folgenden Teilstrecken:

 

Route Tageskilometer Gesamt

 

1.    Tag Anreise Kiel -Kopenhagen - Tallinn 20 20

2.    Tag Tallinn - Linnamäe 99 119

3.    Tag Linnamäe - Söru 73 192

4.    Tag Söru - Orissaare 112 304

5.    Tag Orissaare - Pärnu 99 403

6.    Tag Pärnu - Nähe Lapsas 115 518

7.    Tag Nähe Lapsas - Riga - Turkums 80 598

8.    Tag Turkums - Ventspils 136 734

9.    Tag Seetag

10. Tag Travemünde - Kiel 90 824

 

Mit dieser erneut schönen Tour sind wir über mehrere Jahre verteilt den europäischen Fernradwanderweg R 1 abgefahren - größtenteils mit der Besetzung der 5 Roten Radler. Ich selber konnte nicht an allen Fahrten teilnehmen, habe aber die übrigen Touren genossen und als Bereicherung angesehen. Wer Interesse hat, die eine oder andere Teilstrecke nachzufahren, kann die Anregungen aus unseren Berichten gern mitnehmen, letztlich sammelt jeder und jede eigene Erfahrungen, die von den Kontakten zu den Menschen, der Zusammensetzung der Gruppe  und auch vom Wetter abhängig sind. Aber das wissen Radler ja!

 

Text: Manfred Rotzoll

 

Fotos: Alfred Bornhalm, Bernd Löwner und Heiner Sonderfeld

 

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