2008 Münster - Berlin               Tourbilder

                                                                                                       Tourkarte

 

Mit einigen Freunden (wir nennen uns „die roten Radler“) mache ich jährlich eine Radtour; in Etappen fahren wir den Europa-Radweg R 1 (insgesamt ca. 3.500 Kilometer) von der französischen Kanalküste nach St. Petersburg ab. Dieses Jahr ging es mitten durch Deutschland. Wir starteten im katholisch geprägten Münster; dort übernachteten wir in der Pension „Zum guten Hirten", von einem Nonnenorden betrieben. Zielort war das vorwiegend heidnische Berlin (59 Prozent sind kon­fessionslos, 34 Prozent gehören zu einer christlichen Kirche). In Wittenberg schliefen wir im Schloss (dort ist die Jugendherberge), Tür an Tür mit der Schlosskirche, vor der Luther seine 95 Thesen öffentlich machte.

Die Strecke führte durch viele historische Orte. Wir fuhren durch viele, meist durch Fachwerk geprägte Städtchen, sahen beeindruckende Klöster, Schlösser und Burgen. Zur Zeit der Kleinstaaterei, vor etwa 200 Jahren, wären wir immer wieder auf Grenzstationen der Schlossherren gestoßen. Vor 20 Jahren hätten wir in Eckertal im Harz an der DDR-Grenze Halt machen müssen, und die Glienicker Brücke zwischen Potsdam und Berlin wäre für uns geschlossen gewesen (oft fand dort ein geheimnisvoller Agentenaustausch statt). Grenzen kommen und verschwinden — zum Glück sind sie in Deutschland und in Europa eher verschwunden.

Was ist deutsche Größe? Um an die Bedeutung des ost­fränkischen Reiches und an die alten Reichstage zu erinnern, wurde gegen 1900 in Goslar die Kaiserpfalz wieder aufgebaut. Davor steht — hoch zu Ross — eine Statue mit „Wilhelm dem Großen". Wilhelm II wurde kein Großer; 1918 musste der Kaiser aus seinen prächtigen Potsdamer Schlössern vor dem Volk fliehen. Dabei hatte er noch 1913 bis 1917 für den Kronprinzen das Schloss Cecilienhof bauen lassen. Es wurde nicht berühmt durch den Kaiser, sondern als Tagungsort der Potsdamer Route lagen die Externsteine und die Stiftskirche in Quedlin­burg, die als nationalsozialistische Weihestätten genutzt wurden. Im brandenburgischen Städtchen Belzig mit seinem schönen historischen Stadtkern lebten 1940 rund 5000 Ein­wohner. Bis 1945 mussten dort zusätzlich 1500 Zwangsarbeiter und 750 weibliche Häftlinge aus dem KZ Ravensbrück hausen und sich in der Rüstungsindustrie totarbeiten.

Was ist deutsche Größe? Dessau bietet einen Hinweis: Seit 1925 gab das Bauhaus Impulse für gutes, funktionsgerechtes Bauen in alle Welt. Heute gehört zum Bauhaus eine Stiftung, die Modelle für menschenwürdiges Wohnen Armer in aller Welt entwickelt und dieses Jahr Pläne zu Stützpunkten für Berliner Obdachlose vorgelegt hat.

Was ist deutsche Größe? In Gräfenhainichen gab es bis 1991 Braunkohle-Tagebau. Dann verloren 1600 Menschen ihre Ar­beit, auch unser Gesprächspartner, den wir im Bergbaumu­seum Ferropolis trafen. Für 1 Euro die Stunde betreut er jetzt dort Besucher und zeigt ihnen den 74 Meter breiten Abbaubag­ger 1521, den er früher 30 Jahre lang fuhr. Menschen nicht zu Verlierern zu machen, sondern ihnen sozialversicherungs­pflichtige Arbeit zu geben, könnte deutsche Größe sein.

Am letzten Tag unserer Reise radelten wir durch die Filmstadt Babelsberg. Wir fuhren durch geisterhafte Kulissenstraßen. Und fragten uns: Was ist in Deutschland real, was ist Kulissenwelt?

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