2008 Barcelona - Andorra - Toulouse Tourbilder
Tourkarte
Extra-Tour
Über das Dach der Pyrenäen
Barcelona - Andorra - Toulouse
Text und Fotos: Bernd Löwner und Heiner Sonderfeld
Samstag, 10.05.2008
Die Air Berlin Maschine befindet sich bei Regen und starkem Wind im Anflug auf Barcelona. Der Pilot bringt die Maschine mit einem harten Aufsetzer auf die Piste. Nach kurzer Zeit haben wir unser Gepäck. Die Räder kommen gut eingepackt in Kartons für Neuräder wenig später an. Pedale umsetzen, Lenker querstellen und die Gepäcktaschen anhängen, zum Schluss unsere Regensachen anziehen. Dann geht es los.
Die Zu- und Abfahrten von Flughäfen werden nicht für Radfahrer gebaut. Über eine vierspurige Straße geht es im Dunklen in Richtung Innenstadt. Kein reines Vergnügen. Nach einigen Kilometern können wir auf eine normale Stadtstraße wechseln, hin und wieder gibt es auch mal ein Stück Radweg. Unser vorher gebuchtes Hotel erreichen wir nach 18 km. Schnell einchecken und ab ins nächste Restaurant, in Barcelona um 23:00 Uhr kein Problem.
Sonntag, 11.05.2008
Die Sonne scheint trotz miserablem Wetterbericht. Nach einem reichhaltigen Frühstück ist erst einmal eine Stadtrundfahrt (selbstverständlich auf unseren Rädern) angesagt. Hier ist nicht der Ort für eine Stadtbeschreibung. Nur soviel: die katalanische Metropole lohnt einen Besuch. Lebendige Straßen, insbesondere die Rambla, und der Stadtstrand mit Bootshafen beinahe zu Fuß zu erreichen. Architektonisch hat die Stadt mit dem Gaudismus eine Menge zu bieten. Genau das Richtige für uns Norddeutsche.
Zur Mittagszeit machen wir uns dann auf den Weg Richtung Monastir de Montserrat, die zersägten Bergkämme. Nach 56 km und einer kleinen Bergprüfung, es geht gleich hinter Barcelona mal eben auf rund 470 m hoch, und einer schönen anschließenden Abfahrt sind wir am Ziel. Die letzten Meter im Regen. Das wird sich in den nächsten Tagen wiederholen. Im 2-Sterne Hotel sind wir die einzigen Gäste. Alle Restaurants bis auf eine merkwürdig aussehende Bar geschlossen, dennoch nett und lecker.
Montag, 12.05.2008
Heiner fährt mit der Seilbahn zum Benediktinerkloster. Ein überwältigendes Erlebnis, weniger die Seilbahnfahrt als die Anhäufung von außergewöhnlicher sakraler Kunst aus den verschiedensten Epochen. Zu empfehlen ist ein Besuch am frühen Vormittag, dann ist es ruhig und die Touristenmassen nehmen einem nicht die Chance auch als Nichtgläubiger die Gesamtanlage zu genießen. Bernd widmet sich profaneren Dingen: Wasser, Bananen, Brot und Käse einkaufen.
Über Manresa, der Hauptstadt der
Comarca Bages mit einer bemerkenswerten gotischen Brücke
über den Cardener und einer Kathedrale im ursprünglichen katalonischen Stil,
geht es heute nach Solsona.
Nach 77 unspektakulären Kilometern haben wir das
Tagesziel erreicht. Das Hotel, in
dem wir unterkommen
hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Aber die Dusche
funktioniert und wir haben zwei Betten für die Nacht. Was will man mehr?
Die Altstadt
Solsonas ist ein Denkmalensemble, das
eine kurze Rundfahrt wert ist.
Dienstag, 13.05.2008
Heute soll es ganz langsam in die Berge gehen. Tagesziel
ist Andorra la Vella, die
Hauptstadt des kleinen
Fürstentums Andorra. Wir starten in 670 m über Normalnull.
Andorra la Vella liegt auf 1.011 m.ü.NN. Bei bestem Wetter (trotz wie
jeden Tag schlechter Wettervorhersage) und toller Landschaft entlang des
Flüsschens EI Segre, der aufgestaut wird, sehen wir die
Pyrenäen mit den schneebedeckten Bergkuppen langsam
näher kommen, das ist bisher der schönste Tag.
Andorra ist für Spanier und Franzosen ein Einkaufsparadies. Ab dem spanischen
Städtchen La Seu d' Urgell, dessen Bischof gemeinsam mit dem französischen
Staatspräsidenten Staatsoberhaupt von Andorra ist, nimmt der Verkehr kräftig zu.
Aber alles im akzeptablen Bereich. Die Grenze können wir problemlos passieren.
Es
gibt tatsächlich richtige
Grenzabfertigungsanlagen, wie wir sie innerhalb des „Schengen-Raumes" nicht mehr kennen. Andorra ist nicht Mitglied der EU und der
Zoll kontrolliert ab und zu überbeladene Autos
wegen Tabak- und Spirituosenausfuhr, da dieses in Andorra fast ohne Mehrwertsteuer verkauft wird.
In Andorra la Vella finden wir schnell ein kleines nettes
Hotel für 39,- Euro. Das dreigängige Menü am Abend inkl. einem
halben Liter Wein kostet 9;95 Euro. Da kann
man nicht meckern.
Mittwoch, 14.05.2008
Heute soll es über den Port d' Envalira gehen. Er ist mit
2.408 m der höchste Pyrenäen-Pass. Von Andorra la Vella geht
es 30 km bergauf. Wir haben ordentlich Respekt vor dieser
Etappe. Bei kühlem, feuchtem Wetter geht es los. Auch wenn es kalt ist, wir
kommen ordentlich ins Schwitzen. Aber wir fahren. Mit ca. 7 bis 10km/h geht
es voran. Kurz bevor die Serpentinen beginnen, zweigt eine Straße zu
einem Tunnel
ab. Von da ab haben wir die Straße fast für uns
allein. Noch eine Banane und ein Stück Brot, dann schrauben wir uns Serpentine
für Serpentine nach oben. Rechts
und links der Straße
liegt Schnee. Die Luftfeuchtigkeit nimmt zu. Wenn wir nicht aus
Norddeutschland kommen würden, würden wir von Regen sprechen.
Am
Ziel!
Erstaunlich unproblematisch haben wir es geschafft. Wir
sind oben. Jetzt werden die
Beweisfotos gemacht. Das Thermometer
zeigt 1 Grad Celsius. Dafür sind wir verdammt dünn angezogen und das Restaurant
ist geschlossen.
Für die Abfahrt werden jetzt die Regensachen angezogen und
die Handschuhe von
Bernd ausgepackt, die er nur
mitgenommen hat, um beim Fahrradmontieren keine
dreckigen
Finger zu bekommen. Dafür fährt er aber in Sandalen. Heiner hat zwar
ordentliches Schuhwerk, aber dafür keine richtigen Handschuhe. Dann geht es 36
Kilometer ununterbrochen bergab bis ins französische Thermalbad Ax les
Thermes.
Was für eine Abfahrt!!
Das öffentlich zugängliche Thermalbecken wird sofort genutzt, um die kalten Füße
von Bernd aufzuwärmen.
Das Hotel ist witzig, zielsicher wurde bei der Stilwahl danebengegriffen.
Donnerstag, 15.05.2008
Herrliches Wetter. Tagesziel ist das 82 Kilometer
entfernte Limoux. Wir wählen den
Weg über den Col du
Chioula. Von Ax les Thermes müssen wir in 10 km von 720 m ü.n.N. auf 1.431 m
ü.n.N. klettern. Die Strecke ist sehr gut beschildert: Alle 1.000 m
eine Höhenangabe, die Entfernung zum Pass und die durchschnittliche
Steigung auf
dem nächsten Kilometer. Es geht zwar nicht so hoch
hinaus wie gestern, dafür ist es
deutlich steiler. Die
Kletterei wird belohnt mit einem sehr schönen Bergpanorama. Anschließend 70 km
bergab bis auf 172 Meter über NN, mal schnell und rasant, mal
etwas langsamer. Schöner kann Radfahren kaum sein. Trotzdem sind wir
hundemüde als wir ankommen.
Freitag, 16.05.2008
Gemächliches Ausrollen ist angesagt, mit Zwischenstopp in
Carcassonne und Besichtigung der mittelalterlichen
Festungsstadt. Sie wurde 1997 von der UNESCO
zum
Weltkulturerbe erklärt und wirkt heute wie ein großes Freilichtmuseum. Die
Touristenmassen lassen eine sinnvolle Betrachtung der Festung und ihrer
Geschichte im
Albigenserkreuzzug nicht zu.
Überwiegend am platanenbestandenen Canal du Midi, nicht
überall ist der alte Treidelpfad für Fahrradfahrer
geeignet, geht nach insgesamt 80 km die Tagesetappe in
Castelnaudary zu Ende.
Wie täglich dasselbe Ritual: duschen, dösen, essen,
schlafen.
Samstag, 17.05.2008
Die letzte Etappe. Der Tag beginnt mit Regen. Heiners Rad
war durch den Modder
auf dem Treidelpfad derart verdreckt,
dass er es an einer Wasserstelle in einem Dorf
erst einmal
reinigen musste. Aber gegen Mittag klart es auf. Bei Sonnenschein radeln wir auf dem nun asphaltierten Weg am Canal du Midi direkt in die
Altstadt von
Toulouse. Ein herrliches Radeln: Platanen spenden
Schatten, Cafes laden zum Verweilen, Autos gibt es nicht.
Unterwegs passiert noch eine kleine Panne. Heiners Tacho geht kaputt. Das ist für ihn schlimmer als ein platter Reifen. Um die
letzten Kilometer zu dokumentieren, müssen wir
uns auf die Entfernungsangaben auf den Schildern
verlassen. In Toulouse finden wir in einer Fahrradstation aber schnell Hilfe.
Einem freundlichen jungen Mann gelingt es, den Tacho wieder
in Gang zu setzen.
Schnell haben wir eine passable
Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Heiner macht noch eine große Stadtrundfahrt
in der überraschend bunten und lebendigen Hauptstadt der
Region Midi-Pyrenees, die mehr zu bieten hat als Airbus und EADS.
Bernd zieht es vor, einen kleinen Spaziergang zu machen und in einem Cafe
auszuspannen. Abends ganz wunderbar in einem prima
Restaurant französisch gegessen.
Sonntag, 18.05.2008
Frühstücken, Sachen packen, langsam durch die Stadt rollen
und ab zum Flughafen.
Hier wartet eine kleine
Überraschung: Wir müssen von den Rädern Vorder- und Hinterräder abschrauben. Aber auch das funktioniert (bei Bernd dank der
Handschuhe mit sauberen Händen). Dann ab in den Flieger und zurück nach Hause.
Insgesamt
haben wir auf dieser Radtour 583 — 624 km
zurückgelegt, je nach Umfang von Heines Stadtrundfahrten.
Fazit: Es hat alles fast so
geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben. Den Port d'
Envalira zu bezwingen war zwar schwierig für uns, aber noch nicht die
Grenze.
Klammheimlich überlegen wir, welchen Pass wir uns als
nächsten vornehmen.
Die Anden locken (zumindest Heiner)
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