Stadtrundfahrt Paris,  Boulogne sur Mer - Rotterdam - Münster                Tourbilder

                                                                                                                                      Tourkarte                     

Text und Foto: Bernd Löwner, Heiner Sonderfeld

 

Auch 2007 waren die Roten Radler wieder on Tour. Nachdem wir im letzten Jahr auf unserer Radtour von Tallinn über St. Petersburg nach Helsinki in Estland auf den europäischen Fernradweg R1 ( www.euroroute-r1.de ) gestoßen sind, haben wir in diesem Jahr mal den Kopf gedreht und nicht im Osten, sondern im Westen Europas eine gut einwöchige Radtour unternommen. In Anlehnung an den R1 sind wir von Boulogne sur Mer an der französischen Kanalküste durch Belgien, die Niederlande über Rotterdam und dann weiter bis Münster geradelt.

Angereist sind wir mit dem Zug von Kiel. Ab Hamburg im Liegewagen des Nachtzugs nach Paris. Die reservierungspflichtige Fahrradmitnahme war problemlos möglich.

Einen etwa vierstündigen Zwischenaufenthalt in Paris haben wir zu einer Stadtrundfahrt in der französischen Hauptstadt genutzt. Über diese Stadt muss man an dieser Stelle nichts erzählen. Nur soviel: Wir waren überrascht, wie gut wir uns mit unseren Fahrrädern auf den wenigen Radwegen, meistens aber auf den für Fahrradfahrer freigegebenen Busspuren,  im Großstadtdschungel bewegen konnten. Alles was der gemeine Tourist (wir waren selber welche) sich ansieht, haben wir von außen anschauen können.

Mit dem Zug ging es dann weiter nach Boulogne sur Mer. In Frankreich ist die Mitnahme von Fahrrädern in Regionalzügen kostenlos. Eine Reservierung ist allerdings nicht möglich. Wir hatten aber keine Probleme unsere 4 Fahrräder in dem gewünschten Zug unterzubringen. Nach einer kleinen Altstadtrundfahrt ging es dann bei Regen noch 20 km weiter bis Audinghen. Der sprachlich interessierte Leser wird erkennen, dass es sich bereits um ehemals flandrisches Gebiet handelt. Ein preiswertes Hotel war schnell gefunden. Das Essen und der Rotwein schmeckten nach diesem langen Tag. 

Ein Blick nach England von Cap Blanc Nez am nächsten Tag blieb uns leider versagt. Der Himmel war Wolken verhangen. In Calais haben wir die Bürger von Calais von Rodin bewundern können, ansonsten ist die Stadt eine Veranschaulichung diverser Bauepochen ohne Zusammenhang. Der Grenzübertritt von Frankreich nach Belgien erfolgte im Regen – in den darauf folgenden Tagen wurde das Wetter dann aber immer besser. In De Panne gab es abends die ersten belgischen Pommes Frites mit einem Steak (belgisches Nationalgericht) und dazu selbstverständlich belgisches Bier. Unter den mehr als 450 Sorten fällt die Wahl schwer. Da das Bier teilweise in 0,25 l Flaschen serviert wird, hat man aber die Chance mehrere zu probieren.

Die 67 km lange belgische Küste von De Panne bis Knokke ist ein Erlebnis besonderer Art. Toller feinsandiger Strand, eine breite Strandpromenade, von der französischen Grenze bis zur niederländischen Grenze eine Straßenbahn und fortlaufend Hochhäuser, meist mit Ferienappartements, eins neben dem andern. Auch so kann man eine Küstenlinie gestalten. Zwischendurch immer mal wieder  Reste des alten Atlantikwalls.

Die Altstadt von Brügge ist dagegen ein historisches Schatzkästchen. Eine derart gut erhaltene Altstadt hat nicht einmal Lübeck zu bieten. Und dennoch ist Brügge kein Museum sondern eine pulsierende Stadt mit einem Seehafen (Zeebrugge) der wie in Bremen an der Küste angelegt wurde. Der Besuch dieser Stadt ist ein Muss.

Die Küste der Niederlande präsentiert sich völlig anders. Dünen, ein hoher Deich, dahinter ausgedehnte Wohnwagen- und Ferienhausgebiete. Was in Belgien in die Höhe gebaut wurde, ist in den Niederlanden in die Fläche gebaut worden. Die Schelde bildet breite Mündungstrichter. Von Breskens nach Vlissingen sind wir mit der Fähre über die Westerschelde übergesetzt. Die Oosterschelde wird durch ein riesiges Sperrwerk, das auch mit Autos und Fahrrädern befahrbar ist, vor der Nordsee geschützt. Auch die übrigen Mündungstrichter der Flüsse Maas und Waal sind durch das Deltawerk bei Sturmfluten nicht mehr gefährdet. Eine gigantische wasserbautechnische Leistung. 

Rotterdam beeindruckt durch seinen riesigen Hafen. Mehr als 300 Mio. t Fracht werden hier Jahr für Jahr umgeschlagen. Der Warenumschlag des Hafens unserer Landeshauptstadt Kiel beträgt dagegen gerade mal 5 Mio t.

Rotterdam, im Kriege weitgehend zerstört, bietet ein sehr modernes Stadtbild. Die Innenstadt, rund um den Bahnhof, wird gerade neu erfunden. Sie ist eine große Baustelle. Diese Stadt ist ein Mekka für Fans moderner, avantgardistischer Baukunst, die Architekturbienale ist 2007 in Rotterdam.

Von Rotterdam ging es weiter über Gouda, Utrecht nach Arnhem. 

Zwischen Utrecht und Arnhem liegt das Schloss Amerongen. Am 28. November 1918 erklärte der hierher geflohene Deutsche Kaiser Wilhelm II. seinen Verzicht auf den Thron.  Ausgelöst wurde diese Entwicklung in Kiel. Die von den Matrosen der kaiserlichen Hochseeflotte und den Werftarbeitern gemeinsam getragene revolutionäre Erhebung (Novemberrevolution) führte zum Sturz der Monarchie und zur ersten deutschen Republik. 

Die Veluwe bei Arnhem ist ein Nationalpark mit der für die Niederlande unüblichen Heidelandschaft. Sogar einige Hügelchen waren zu erklimmen. Der totale Gegensatz zur Gegend um Rotterdam, die unter dem Meeresspiegel liegt und wo jedes Haus von Wassergräben umgeben ist.

Im Osten der Niederlande beherrschen Ackerbau und Viehzucht die Landschaft, der Übergang in das Münsterland ist fließend.

In Borculo, einem netten Landstädtchen im Gelderland wollten wir in einer Pension, die im Reiseführer von Bikeline angegeben ist, übernachten. Sie hatten aber nichts frei und vermittelten uns an eine Familie weiter. In den Niederlanden gibt es eine Organisation von Fahrradfahrern mit eigener Übernachtungsorganisation. Die Übernachtung kostet max. 17 Euro und das Frühstück ist so reichhaltig, dass man vom Vermieter Butterbrotpapier zum Einpacken erhält. Infos unter www.vriendenopdefiets.nl .

Die Niederlande insgesamt sind nach unseren Erfahrungen ein Paradies für Fahrradfahrer. Selbst in der quirligen Handels- und Industriestadt Rotterdam konnten wir weitgehend entspannt radeln.

Über Billerbeck im tiefsten Münsterland am Rande der Baumberge ging es in die Metropole des westfälischen Katholizismus Münster. Die Stadt beeindruckte nicht nur durch ihre Altstadt, sondern auch durch das hervorragend ausgebaute Radwegenetz. Diese Stadt zeigt, was auch in Deutschland an Fahrradfreundlichkeit möglich ist. 

Übernachtet haben wir meist in kleinen Hotels. In Rotterdam in der Innenstadt im Hostel stayokay  ( www.stayokay.com ). Zimmer und Frühstück waren so, wie es der Name verspricht.

Eine kleine Fahrradpanne konnte für kleines Geld bei einem geschickten niederländischen Zweiradmechaniker schnell behoben werden.

Wie die nachstehende Tabelle zeigt, sind mit Stadtrundfahrten und sonstigen Schlenkern insgesamt 775 km zusammengekommen. Wem das zu lang ist, es gibt Abkürzungsmöglichkeiten.

Strecke

Entfernung

Stadtrundfahrt Paris

 20 km

Boulogne sur Mer – Audinghen

 20 km

Audinghen - De Panne

 92 km

De Panne - Brügge

 75 km

Brügge – Burgh-Haamstede

104 km

Burgh-Haamstede - Rotterdam

100 km

Rotterdam - Rhenen

110 km

Rhenen - Borculo

102 km

Borculo - Billerbeck

 90 km

Billerbeck - Münster

 46 km

Stadtrundfahrt Münster

 16 km

Summe

775 km

Der R1 bildete eine gute Orientierung. Es kann durchaus sein, dass „Die Roten Radler“ in den nächsten Jahren noch einmal seiner Ausschilderung folgen werden.

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