SICHER WIE IN ALLAH`S SCHOSS
UNTER POLIZEISCHUTZ VON KAIRO NACH LUXOR Tourbilder
Tourkarte
Text: Heiner Sonderfeld, Fotos Bernd Löwner
Anfang Februar 2003 bestiegen wir - Bernd Löwner und Heiner Sonderfeld aus Kiel - in Hamburg das Flugzeug, zu einer Radtour in Ägypten. Wir wollten von Kairo entlang des Nils nach Luxor radeln. Was wir erlebten, hätten wir uns vorab nicht träumen lassen, wahrscheinlich wären wir überhaupt nicht los geflogen. Außer der üblichen landeskundlichen, geschichtlichen und radtouristischen Vorbereitung hatten wir lediglich das erste Hotel in Kairo per Internet gebucht.
Zwar wussten wir um die besonderen Sicherheitsmaßnahmen rund um Kairo und Luxor, aber die Besonderheiten auf dem Weg von Kairo nach Luxor sollten wir erst noch „erfahren“, und dies im wahrsten Sinne des Wortes.
Mit einigen kleineren Blessuren landeten unsere Räder gut in Kairo. Es ging ohne Licht, benutzt man in Ägypten sowieso höchst ungern wie wir schnell bemerkten, und einigen Zurechtbiegungen an den Rädern über die Autobahn Richtung Zentrum. Da Freitag der islamische Ruhetag ist, waren die Straßen leer und wir wurden von den vielen Militärs und Polizisten, die Kasernen und Straßenkreuzungen bewachten, freundlich gegrüßt. Erst im Zentrum wurde es hektischer mit dem Verkehr und die Lautsprecher der Moscheen überschrieen den ohnehin lauten Straßenlärm. Daran sollten wir uns während der nächsten 10 Tage vor allem in den frühen Morgenstunden gewöhnen müssen.
In diesem Bericht ersparen wir dem Leser die Sehenswürdigkeiten Ägyptens. Erstens sind sie besser in den Reiseführern nachzulesen und zweitens waren die japanischen Touristen Schnecken gegen uns.
Empfehlenswert ist Kairo nur für mutige Radfahrer. Der Verkehr folgt eigenen Gesetzen, festzuhalten ist aber, dass jeder auf jeden irgendwie Rücksicht nimmt. Nur das Irgendwie ist schwer durchschaubar. Die Hupsignale verstanden wir schon am zweiten Tag: Einmal kurz gehupt bedeutet: Hier kommt ein Auto! Zweimal kurz gehupt bedeutet: Das Auto kommt näher! Langes Hupen bedeutet: Pass auf !! Aber dennoch verhalten sich die Fahrer rücksichtsvoll und freundlich, nur es ist halt laut, wie vieles in Ägypten.
Das Picknick am Fuße der Sphinx nach einer Rundfahrt mit den Rädern um die Pyramiden in Giza war beeindruckend. Danach begann die Fahrt nach Luxor, vorbei an Memphis, und den Pyramiden von Saqqara und Dashur. In unserem ersten Etappenziel At Tabbin gab es kein Hotel, also 15 km zurück nach Hulwan. Im Dunkeln - auch die Autos fuhren überwiegend ohne Licht - wurden wir nach zigmaligem Fragen von einem freundlichem älteren Herrn, der sich bei seinem Hilfsarbeiter ein Rad lieh,zu dem einzigen Hotel des Ortes geführt. Abends erlebten wir das bunte und lebhafte Treiben in der Stadt, die Handwerker in ihren zur Strasse offenen Werkstätten gingen ihrer Tätigkeit nach, es wurde gehandelt, gekauft, und in den Kaffeehäusern saßen die Männer und rauchten in aller Ruhe ihre Wasserpfeife. Die Nacht war kalt, wie alle, die wir in den Hotels ohne Heizung verbringen mussten. Europäische Standards im Hotelgewerbe gab es nur in Kairo und Luxor, dafür auch entsprechend niedrige Preise. Das Essen bestand unterwegs aus Tee, Marmelade, Schmierkäse, Brot und Tee zum Frühstück, mittags Brot, Obst und Wasser und abends Köfte, Salat und Brot. Bier gab es unterwegs aus religiösen Gründen nicht, es ist nur in Touristengegenden erhältlich. Die üblichen Magenprobleme blieben uns erspart, den Mineralwasserabsatz in Ägypten haben wir erheblich gesteigert. Unterwegs Restaurants zu finden war uns nicht vergönnt, meistens gab es Imbisse oder Nudelfertiggerichte, überhaupt ist, wie wir im Nachhinein erfuhren, die gesamte touristische Infrastruktur zwischen Kairo und Luxor zusammengebrochen.
Ab Beni Suef, der zweiten Stadt nach Kairo, erlebten wir dann eine Tour der besonderen Art. Als wir morgens das Hotel verließen, stoppte uns der Sicherheitschef des Hotels und wollte uns nicht losfahren lassen, erst müsse noch die Polizei kommen. Da wir uns keiner Schuld bewusst waren, fragten wir bei der gegenüberliegenden Touristenpolizei nach dem Grund, aber die konnten kein Englisch. Die Polizei fragte uns nach dem Ziel und der Straße, die wir nehmen wollten. Ich erläuterte wir wollten über Al Minya nach Asyut und zwar auf der Straße östlich des Nils durch die Wüste. Nach einigem Zögern gab er den Weg frei und wir radelten los. Zu unserer Verwunderung folgte er uns durch die Stadt und übernahm sogar die Führung, so dass wir den kürzesten Weg aus der Stadt fanden. An dem üblichen Polizeikontrollpunkt vor der Stadt atmeten wir auf, denn er blieb zurück. Nur mussten wir feststellen, dass uns ein anderer Wagen folgte, der mit vier Soldaten, bewaffnet mit Kalaschnikows, besetzt war. Unser Wohlbehagen hielt sich in engen Grenzen. Nach 30 km fragte ich, ob wir einen Tee trinken könnten. Überhaupt kein Problem, unsere Begleiter setzten sich an einen anderen Tisch und als wir zu unseren Rädern gingen, ließen sie ihren Tee stehen und folgten uns im Pick-Up. Die Soldaten waren äußerst höflich, korrekt und sie ließen sich nicht einmal zu einem Tee einladen. Nach jeweils ca. 40 km erreichten wir einen sog. Traffic-point, eine beschönigende Umschreibung für eine massive Polizeikontrollstelle mit Wachtürmen, Sperrgittern, Nagelbrettern und vielen Polizisten. Hier wechselte das Begleitauto, und so sollte es dann bis kurz vor Luxor bleiben. Sogar ein Panzerwagen fuhr einmal hinter uns her und „beschützte“ uns vor den Ägyptern. Weder mit noch ohne Begleitung hatten wir den leisesten Ansatz von Gefahr verspürt, die Menschen waren überaus freundlich und winkten uns vom Straßenrand aus zu, fragten nach der Herkunft und riefen „welcome in Egypt“. Wie sagte ein Hotelmitarbeiter in Sohag: „Das Problem sind nicht die Menschen, das Problem ist die Polizei“. Für uns war nach der Eingewöhnungsphase auch die Polizei kein Problem, sondern eine Hilfe. Da wir sie ja nicht loswerden konnten, machten wir das Beste aus der Situation. Hotelsuche war nicht notwendig, das erledigte die Polizei. Restaurantsuche am Abend, kein Problem, das besorgte unser Abendbegleiter, Kaffeehausbesuch nicht ohne unseren Schutzmann. Mussten wir mal an einer Schranke warten, die Polizei ließ sie öffnen. Mussten wir unterwegs mal pinkeln, die Polizei sicherte das Umfeld. Machten wir eine Pause, die Polizei machte sie auch. Wollten wir eine Sehenswürdigkeit besichtigen, die Polizei geleitete uns hin, denn arabische Wegweiser konnten wir nicht lesen. Nur ein einziges Mal konnten wir für 10 Minuten entwischen, aber in einem Polizeistaat wie Ägypten ein aussichtsloses Unterfangen. Das einzige Problem das wir unsren Begleitern bereiteten, war unser Tempo. Wenn ein wassergekühlter Motor immer nur 17-20 km schnell fahren kann, wird der Motor auf Dauer zu heiß. Daher baten uns die Soldaten des öfteren, das Tempo zu erhöhen. Nur ein einziges Mal wurden wir auf massiven Druck hin in ein Polizeiauto verfrachtet und es ging die letzten knapp 20 km mit Blaulicht zum Hotel in Asyut. Ansonsten stieg mit jedem Tag und der Entfernung von Kairo der Respekt und das Drängen uns auf den Wagen zu verladen wurde geringer. Es soll und muss nochmals betont werden, die Soldaten waren freundlich, korrekt und teilweise richtig humorvoll.
Für uns gab es zwei Arten von Ägypten.
Das eine Kairo und Luxor: Keine Leibwache, dafür Anmache von Touristenneppern und Bettelei, Kunstschätze unermesslichen Wertes, touristische Annehmlichkeiten (Essen und Trinken) und die Möglichkeit einzeln etwas zu unternehmen.
Das andere Ägypten: Allgegenwärtige Polizei (ich meine nicht nur unsere Begleiter), Armut aber mit Würde, enorme Hilfsbereitschaft, krasse soziale Unterschiede, allgegenwärtige Religion, einfache Hotels und Essgelegenheiten. Wir waren sozusagen ägyptische Zwillinge, denn wir mussten aufgrund der Bewachung immer zusammen bleiben, auch wenn wir hingehen konnten, wohin wir wollten.
Insgesamt haben wir 904 km zurückgelegt, nicht jeder km hatte eine andere Erfahrung parat, aber insgesamt möchten wir keinen km missen. Die sich wiederholenden Szenen entlang des Flusses, der soviel Leben bringt, der soviel Geschichte gesehen hat, prägten sich tief ein und waren ein einmaliges Erlebnis. Dem ägyptischen Volk ist zu wünschen, dass es einen friedvollen Weg in die Zukunft findet und in Eigenbestimmung seine Probleme lösen kann. Die Investitionen in das Bildungswesen, die Infrastruktur und den Wohnungsbau sind unübersehbar ebenso wie der enorme Wille aus den wenigen Möglichkeiten etwas zu machen. Es bleibt zu hoffen, dass sich Anschläge wie 1987 in Luxor nicht wiederholen und auch die Städte zwischen Kairo und Luxor an den wirtschaftlichen Entwicklungen des Tourismus positiv teilhaben können.