Wundersame Bauernvermehrung                Tourbilder

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Irrwitzige Agrarpolitik treibt Zahl der polnischen Landwirte in die Höhe

"Wir sprechen deutsch", verkündet das Schild am Ortsausgang von Ketrzyn, und hinter dem Holzzaun mampft eine Gruppe deutscher Fahrradtouristen selbstgebackenen Kuchen. "Ist wunderbar", kommentieren die älteren Herren, die seit zehn Tagen im Sattel sind. "Überall diese Agrotouristik, da gibts was zu essen, und ein Bett hat man auch, bequem und billig." Wie die Familie Wroblewski am Rand von Ketrzyn sprießen überall auf den Dörfern Masurens solche Kleinbetriebe aus dem Boden. "Agrotouristik" ist ungefähr das, was man anderswo "Ferien auf dem Bauernhof" nennt. Solche Betriebe werden behandelt, als wären sie Landwirtschaften, vorausgesetzt, sie haben nicht mehr als 5 Räume zu vermieten und beherbergen nicht mehr als 20 Personen auf einmal. Und mindestens einen Hektar Ackerland müssen die Betreiber haben, um als Bauern durchzugehen.

"Agrotouristik" heißt das Zauberwort, das Polens Dörfer auf Vordermann bringen soll. 27 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, oft nur von ein paar Hektar. Bis Polen der EU beitritt, soll ihre Zahl zurückgehen - das ist die Idealvorstellung: Aus Bauern werden Kleinunternehmer und touristische Familienbetriebe, nur derjenige soll Bauer bleiben, der im EU-weiten Wettbewerb mithalten kann. Die Sache hat nur einen Haken: Die Kleinbauern werden mehr und nicht weniger.

Ein Beispiel dafür sind die Wroblewskis. Die sind beim besten Willen keine Bauern, nie welche gewesen - doch in der Statistik tauchen sie trotzdem als solche auf. Jerzy Wroblewski ist nämlich Kriminalbeamter im benachbarten Ketrzyn, seine Frau ist eigentlich arbeitslos. Doch irgendwann hatten die Wroblewskis genug von ihrer 55-Quadratmeterwohnung in der Stadt und schlugen der einzigen verbliebenen Besitzerin des kleinen Gehöfts am Stadtrand einen Tausch vor. Die Wroblewskis kauften dazu den Nachbaracker und mauerten einen Anbau mit Gästezimmern. Genaugenommen sind die Wroblewskis also Gastronomen. Doch den Fehler, sich als solche beim Gewerbeamt anzumelden, würden sie nie im Leben machen. Denn solange sie offiziell Bauern sind, zahlen sie statt der üblichen 40 Prozent Steuer auf den Gewinn von Gewerbebetrieben kaum Steuer, nur minimale Sozialabgaben, und können für ihren Anbau extrem billige, subventionierte Kredite aufnehmen. Das alles wäre im Grunde schon genug, um auch noch den letzten Automechaniker, Lebensmittelhändler und Jäger in einen statistischen Landwirt zu verwandeln.

Ein Besuch im Allensteiner Statistischen Amt bestätigt: Seit Jahren steigt die Zahl der Kleinbauern, die zwischen 2 und 5 Hektar Land besitzen. 1990 hatten nur 2750 Bauern unter 2 Hektar Land. Bis Ende 1996 kamen 1285 hinzu. Die Bauernvermehrung hat aber noch einen anderen Grund: Nach Polens EU-Beitritt werden Zuschüsse aus Brüssel in Polens Landwirtschaft fließen, hofft der Landwirtschaftsminister. Das hieße: Je mehr statistische Bauern, desto mehr Subventionen. Die Wroblewskis würden dann zu ihrem steuerfreien Erlös aus dem Tourismusgeschäft und der Polizistenrente des Familienvaters auch noch Transferleistungen der EU erhalten. Klar, daß die Zahl der Bauern in die Höhe schnellt. Klaus Bachmann, Warschau

Immer mehr Bauern steigen auf Tourismus um. Foto: Andreas Bastian

04.07.1998 © Stuttgarter Zeitung

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