Radtour von Klaipeda nach Kaliningrad Tourbilder
Text und Fotos: Bernd Löwner Tourkarte
„Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, dass man sie gesehen haben muss, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen sollte“ schrieb 1809 der Naturforscher Alexander von Humboldt.
Diese eigentümliche Landschaft kann man nach dem politischen Umbruch in Osteuropa wieder bereisen.
Klaipeda und der nördliche Teil der Kurischen Nehrung gehören zu Litauen. Der südliche Teil der Nehrung dagegen zum Kaliningradskaja Oblast und damit zur Russischen Föderation.
Für die Einreise nach Russland ist ein Visum erforderlich. Individualtouristen benötigen eine Einladung für die Visaerteilung.
Mit viel Neugierde und ein wenig Abenteuerlust beschlossen wir, Bernd Folger, Alfred Bornhalm, Erich Schirmer und ich, diesen für uns fremden Teil Europas im Wortsinne mit unseren Zweirädern zu erfahren. Kiel und Kaliningrad sind Partnerstädte. Als Kieler erleichterte das die Beschaffung einer Einladung und die Visaerteilung.
Für die Anreise wählten wir die Fähre von Kiel nach Klaipeda (diese Verbindung existiert heute noch und erfreut sich wachsender Beliebtheit) Die Rückreise sollte mit dem Zug von Kaliningrad nach Berlin und dann weiter nach Kiel erfolgen. Mit diesem Zug konnte man aber keine Fahrräder transportieren. Daran sollte aber der Plan nicht scheitern: Wir beschafften uns alte Fahrräder, die wir in Kaliningrad zurücklassen wollten. Mit unseren Gastgebern in Kaliningrad wurde verabredet, die Fahrräder einem Kinderheim zu spenden.
Im Mai 1997 ging es dann los. Nach einer schönen Überfahrt gingen wir in Klaipeda, dem früheren Memel, von Bord. In der litauischen Hafenstadt steht auf dem Theaterplatz wieder das „Ännchen von Tharau“, umgeben von Bernsteinverkäufern.
Weiter ging mit der Pendelfähre von Klaipeda auf die Nordspitze der Kurischen Nehrung, dieser schmalen zwischen 400m und 4 km breiten etwa 100 km langen Landzunge. Die asphaltierte Straße war gut zu befahren, wenig Autoverkehr. Die Kurische Nehrung ist auf beiden Seiten der Grenze Naturschutzgebiet, Autofahrer müssen eine Maut bezahlen, wir als Fahrradfahrer waren davon befreit. In Juodrante (Schwarzort) und Nida (Nidden) übernachteten wir im Hotel bzw. Privat (beides problemlos möglich). Schnell nahm uns diese eigentümliche Landschaft gefangen. Häufig konnte man zu beiden Seiten das Wasser sehen: zur einen die Ostsee mit dem schönen weißen kilometerlangen Sandstrand, zur anderen das Haff mit dem Schilf bewachsenen Ufer. Kleine Bunte Holzhäuser, Boote am Haff, Fischräuchereien und Stubengaststätten versetzten uns in eine Zeit als man noch von Sommerfrische sprach. Besonders beeindruckend sind natürlich die Dünen, insbesondere in Nida im Grenzgebiet zu Russland. Das sollte man gesehen haben!
Die Nehrung hat auch immer wieder Künstler angezogen. Zwischen 1930 und 1932 verbrachte Thomas Mann die Sommer in Nidden in einem eigens für ihn errichteten mit Reet gedeckten Holzhaus. Heute ein Museum, das an den Aufenthalt des Nobelpreisträgers erinnert. Aber auch Maler wie z.B. Max Pechstein und Schmidt Rottluff haben zeitweise auf der Nehrung gelebt und gearbeitet. Heute lebt der in Litauen bekannte Maler Duardas Jonus in Nida. Ein Besuch in seinem Wohn- und Atelierhaus, das unübersehbar mit alten Fischernetzen Wrackteilen und anderen maritimen Gegenständen dekoriert ist, machte uns mit seinem Leben u.a. in Stalins Lagern in Sibirien und seinen düsteren Bildern bekannt, mit denen er versucht, sein Schicksal zu verarbeiten.
Im Hafen von Nida entdeckten wir einen Kurenkahn mit dem typischen Kurenwimpel auf dem Mast. Ein Nachbau eines Fischereifahrzeugs aus der Zeit vor dem zweiten Weltkrieg. Ein kurzer Segeltörn auf dem Kurischen Haff vertiefte den Eindruck von dieser eindrucksvollen Landschaft.
Weiter ging es über die Grenze auf den russischen Teil der Nehrung. Die Landschaft ist die gleiche, die Dörfer machten aber einen merkbar anderen Eindruck. Statt der Holzhäuser Ziegel- und Betonbauten, leider überwiegend in einem schlechten Zustand. Das gilt nicht für die Hauptstraße, die war gut asphaltiert.
In Rybatschij (Rossitten) besuchten wir die Vogelwarte. Eine Einrichtung aus deutscher Zeit, die heute weiter betrieben wird. Eine freundliche, kompetente und deutschsprachige russische Vogelkundlerin zeigte uns die Einrichtung und informierte uns über die Bedeutung der Nehrung für die Zugvögel. Jährlich ziehen hunderttausende Zugvögel über das Haff und nutzen die Nehrung als Rast- und Ruheraum.
Die erste Übernachtung in Russland erfolgte in Selenogradsk (Cranz), im besten neu errichteten und renovierten Hotel am Platz. Was anderes fanden wir nicht. Aber immerhin, es ist möglich ohne vorherige Buchung eine passable Übernachtung in Russland zu finden. Der Badeort selber machte leider keinen sehr einladenen Eindruck. Da ist noch viel zu tun.
Weiter ging es über Pionierskij (Neukuhren) nach Svetlogorsk (Rauschen). Am Strand von Pionierskij beobachteten wir Bernsteinfischer. Das sahen wir uns nicht lange an, dann waren wir auch dabei. Nach kurzer Zeit hatte jeder von uns eine Handvoll Bernstein zusammen. Das sollte als Souvenir reichen.
In Svetlogorsk kamen wir in einem großen Touristenhotel unter. Für uns Männer ok. Für einen Familienurlaub müsste noch einiges investiert werden. Vom Ort sahen wir leider nicht allzu viel, es regnete ( bei einem Aufenthalt im Sommer 2002 in Svetlogorsk erlebte ich einen lebhaften Badeort mit Sessellift um von der hohen Steilküste an den Strand zu kommen, vielen Gaststätten und Cafes und einer regen Bautätigkeit, es tut sich was).
Die letzte Etappe führte uns nach Kaliningrad (Königsberg). Eine große Plattenbausiedlung mit breiten Straßen, für Fahrradfahrer gewöhnungsbedürftig. Die russischen Verkehrsplaner haben die Radwege vergessen. Wir kamen auf einem Hotelschiff unter. Wie verabredet wurden wir von unseren russischen Gastgebern in Empfang genommen. Sie zeigten uns ihre Stadt mit dem im Wiederaufbau befindlichen Dom, an dessen Nordseite sich die Grabstätte von Immanuel Kant befindet, dem lebhaften Kolchosmarkt, dem Denkmal für die Kosmonauten (ein russischer Kosmonaut stammt aus Kaliningrad), dem Hafen und einige stehen gebliebenen Gebäuden aus deutscher Zeit, wie z.B. die als Kindertheater genutzte Luisenkirche. Auch Lenin steht noch auf dem Platz vor dem Rathaus. Eines ist ganz klar geworden: Kaliningrad ist nicht Königsberg. Es ist inzwischen eine russische Stadt. Eine Stadt mit einem spröden Charme, den es aber zu entdecken lohnt.
Hier befand sich auch das Kinderheim, wo die Übergabe der Fahrräder große Freude bei den Kindern auslöste. Die Heimleitung führte uns durch die Einrichtung, Mädchen und Jungen zeigten was sie gelernt hatten und führten Tänze auf. Das würde man so nicht in einer vergleichbaren deutschen Einrichtung erleben. Zurück ging es planmäßig mit dem Zug.
Diese relativ kurze Radreise (insgesamt legten wir mit allen Schlenkern nicht mehr als 200 km zurück) ist uns lange nicht aus dem Kopf gegangen. Sei dem zieht es uns immer wieder in diese Ecke Europas. Es lohnt sich hinzufahren, wegen der besonderen Landschaft, der Geschichte wegen, vor allem aber der Menschen wegen, die uns überall freundlich aufgenommen haben und mit denen wir viele interessante Begegnungen und Gespräche führen konnten.